„Kann man das wirklich direkt ansprechen?“ Vergeuden Sie keine kostbare Energie

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Eine meiner Lieblingsfragen im Seminar. Sie bietet die Möglichkeit, im Gespräch den Wunsch vieler Menschen zu beleuchten, als unangenehm oder störend empfundenes Verhalten anderer Menschen nicht direkt ansprechen zu müssen.

Dahinter steht eigentlich immer die Hoffnung, dass die betroffene Person doch von selbst darauf kommen muss, dass eine Gewohnheit oder eine Äußerung oder was auch immer, nicht angemessen war und sich nicht wiederholen sollte.

Ein sehr nachvollziehbarer Wunsch. Leider geht er selten in Erfüllung. Unsere Wahrnehmungen von Situationen, unsere Vorstellungen von angemessenem Verhalten und einer situativ passenden Kommunikation sind einfach sehr individuell. Was der Eine akzeptabel und gut findet, geht aus der Sicht des Anderen einfach gar nicht.

Im Privatleben sind solche Situationen leichter zu lösen, weil man sich entziehen kann. Im Arbeitskontext sieht es anders aus. Da sitzt man immer wieder im Meeting mit dem Kollegen, der ständig unterbricht, oder hat Kundentermine mit der Mitarbeiterin, die ihre Unterlagen in einer Jute-Tasche mitbringt und die irritierten Blicke der Anwesenden anscheinend nicht bemerkt. Natürlich kann man hoffen, dass der Kollege selbst merkt, wie nervig und auch unproduktiv das ständige Unterbrechen anderer ist – oder wie unprofessionell die Jute-Tasche im Geschäftskontext ist. Aber wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass das passiert?

Eigentlich müsste die Person, die das stört, das Thema direkt ansprechen. Unter vier Augen natürlich, mit den berühmten Ich-Botschaften und der Spiegelung der persönlichen Wahrnehmung usw. Das haben viele von uns in Kommunikationsseminaren gelernt. Was machen wir stattdessen? Abwarten, beobachten, manchmal Situationen ausgleichen usw. Wir sagen uns auch gerne, dass wir toleranter sein müssen: Vielleicht haben wir auch gerade viel um die Ohren und sind leichter gereizt usw. Oder wir reden mit anderen über das Unmögliche Verhalten von Frau X und Herrn Y.

Kurzum: Wir sind Meisterinnen und Meister im Umleiten von Energien. Warum nicht genau diese Energie frühzeitig zur konstruktiven Klärung nutzen? Denn wenn man erst mal genervt ist, wird es schwieriger, einigermaßen wertfrei den eigenen Wunsch zu artikulieren.

Es ist doch paradox: Mit der guten Intention, eine andere Person nicht zu verletzen oder ihr nicht zu nahe zu treten, forcieren wir Missverständnisse und Spannungen. Bis uns dann manchmal doch der Kragen platzt und der Streit da ist. Und das kostet dann richtig Energie.

Treten Sie für das ein, was Ihnen in der Zusammenarbeit wichtig ist. Gerade im Job ist es gut, gemeinsam auszuhandeln, was okay ist oder was eben nicht so gut passt. Die meisten Menschen haben gute Antennen, wenn es um ihre Akzeptanz durch andere geht. Sie merken, dass etwas nicht passt, können aber unter Umständen nicht nachvollziehen, woran es liegt. Warum sie im Dunkeln tappen lassen? Und diejenigen, die nichts merken, sind vielleicht sogar für ein professionelles, kollegiales Feedback dankbar. Es ist auf alle Fälle einen Versuch wert.

Über den Autor

Dr. Susanne Eckel

Dr. Susanne Eckel ist Associate Partner der grow.up. Managementberatung und als Trainerin, Beraterin und Coach im Einsatz. Sie war 15 Jahre lang klassisch angestellt, hatte in verschiedenen Firmen, Hierarchiestufen und Aufgabenbereichen gearbeitet, bis sie schließlich zu grow.up. und in die Beratung wechselte.

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