Die Eisenfaust im Samthandschuh – oder wie Sie sich als Frau durchsetzen, ohne unsympathisch zu sein

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In meiner Arbeit als Trainerin und Coach begegnen mir regelmäßig gut ausgebildete, erfolgreiche Frauen, die die Frage beschäftigt: „Wie durchsetzungsstark darf ich denn sein, ohne dass ich es mir mit meinem Umfeld verscherze?“
Eine berechtigte Frage, denn verschiedene Studien belegen, dass Durchsetzungsstärke bei Männern immer noch anders bewertet wird als bei Frauen. Bei Männern gilt es als selbstverständliches Verhalten, um erfolgreich zu sein. Als deren gutes Recht, um sich zu positionieren.
Risikobereit zu sein, aggressiv, ergebnisorientiert, selbstbewusst und hart, auch wenn Tränen fließen! Verhalten sich Frauen so, dann wird dies gern als überzogen abgelehnt: „Sie benimmt sich männlicher als die Männer“, heißt es dann oft. Interessanterweise sagen das sowohl Männer als auch Frauen! Also von allen Seiten gibt es Abzüge in den Sympathiewerten. Wenn es das nur wäre, könnte frau vielleicht damit leben. Aber die Auswirkungen sind schlimmer und schaden Frauen im Beruf!

„Frauen müssen sich durchsetzen, aber bitte nicht zu doll!“

Viele Männer und Frauen reagieren häufig mit Vorbehalten: „Für so eine harte Chefin möchte ich nicht arbeiten.“
Wie sich das auswirkt?
Ein Beispiel: Viele Managerinnen erleben, dass die Aufträge von Männern wie selbstverständlich erledigt werden und zwar mit höherer Priorität und die von Frauen nur dann, wenn der Auftrag auch in der richtigen „Tonlage“ vermittelt wurde.

Und ein zweites Beispiel: Oft wird nicht nur das durchsetzungsorientierte Verhalten der Frauen als zu hart bewertet, sondern die ganze Frau: „Sie übertreibt und ich kann sie so nicht ernst nehmen.“ Diese Sicht wirkt sich nicht selten negativ auf die Bewertung der Leistung der Frauen insgesamt aus.
Diese beiden Beispiele sind klare Wettbewerbsnachteile für Frauen im Beruf!

Aber wie finden wir Frauen nun das richtige Maß, um uns zu positionieren und ernst genommen zu werden? Es braucht wohl einen neuen Mix aus Souveränität und Understatement!

The female way

Und so habe ich mich auf die Suche nach guten Beispielen gemacht, neudeutsch nach role models, also weiblichen Vorbildern.

Ein sehr gutes Beispiel für eine perfekte Mischung aus Selbstbewusstsein und Understatement, mit der man langfristige (Arbeits-) Beziehungen am besten gestaltet, hat in den vergangenen Monaten Bibiana Steinhaus geliefert. Als erste Schiedsrichterin, die in der ersten Fußballbundesliga der Männer pfeift, stand sie unter enormer Beobachtung. Der Medienrummel war riesig. Äußerst ruhig, gelassen und souverän dagegen war Bibiana Steinhaus. Ihre Souveränität hat sie bereits auf dem Weg dahin oft genug gebraucht. Sie klagt nicht, sucht die Schuld nicht bei anderen und signalisiert auch keine Hilfsbedürftigkeit. Unwillkommene Annäherungen wischt sie wie eine lästige Fliege weg, Respektlosigkeiten, gerne „Scherze“ genannt, nimmt sie mit Humor. Souveränität ist auch die Eigenschaft, die der Schiedsrichterin in allen Artikeln am häufigsten zugeschrieben wird. Sie scheint bei Frauen und Männern gleichfalls gut anzukommen.

Wie macht sie das bloß? – Hier 3 Tipps!

Im ersten Spiel unter ihrer Regie und der darauf folgenden Pressekonferenz hat sie alles richtig gemacht:

Tipp 1: Ihre Wirkung war jederzeit unmissverständlich!

Auch wenn ein adrenalinbepackter Abwehrspieler, Größe 1,95 m, sich vor ihr aufbaute, weil er mit ihrer Entscheidung nicht einverstanden war: Bibiana Steinhaus weicht nicht zurück, steht gerade und hält den Blickkontakt.
Und sie erklärt ruhig und bestimmt, was nun zu tun sei, sie erklärt aber nicht ihre Entscheidung!

Schon der amerikanische Schriftsteller und Philosoph Elbert Hubbard sagte: „Never explain — your friends do not need it, and your enemies will not believe you anyway.”

Arbeiten Sie weiter an Ihrer Wirkung und Körpersprache. Sie sind klein und zierlich? Das ist kein Hindernis: Sorgen Sie dafür, dass Sie gesehen werden, wenn Sie den Raum betreten. Begrüßen Sie die, die schon da sind. Sprechen Sie einzelne aus der Gruppe direkt und namentlich an, wenn Sie erreichen wollen, dass die Gruppe anfängt zu arbeiten.

Hören Sie auf zu erklären, was sie gemacht haben oder noch schlimmer, was Sie noch nicht gemacht haben und warum. Sagen Sie mehr, was zu tun ist und was Sie tun werden!

Tipp 2: Sich selbst vermarkten, ohne anzugeben

Viele Frauen scheuen sich vor dem Thema Selbstmarketing, weil sie es angeberisch finden. Was können wir uns von Bibiana Steinhaus zu diesem Thema abschauen?
Sie schafft es auch hier, nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig zu machen und nutzt die Aufmerksamkeit geschickt, um wichtige Statements zu platzieren.
Scheinbar beiläufig sagt sie in der Pressekonferenz etwas zu ihren Stärken und Kompetenzen und bleibt dabei ganz und gar sie selbst. Souveränität braucht kein Tamtam!
Konfrontiert mit der Aussage: „Sie waren die gesamte Zeit so angenehm unaufgeregt“, sagt sie: „Ehrlich gesprochen, bin ich erleichtert, dass es jetzt rum ist und morgen wieder die Normalität Einzug hält.“ (wie menschlich!). Bei diesem ersten Erstligaeinsatz hätten ihr sicher ihre Erfahrungen aus vielen Zweitligaspielen geholfen und ihr Beruf als Hauptkommissarin. Das kommentierte sie sachlich kühl und sinngemäß so: „ Das sind beides exekutive Berufe. Sowohl als Polizeibeamtin als auch als Schiedsrichterin bin ich für die Umsetzung und Einhaltung von Regeln zuständig, insofern nutzen mir die Erfahrungen aus und in beiden Berufen.“

Forschen Sie in Ihrer Vita und arbeiten Sie Ihre Stärken heraus, die im beruflichen Umfeld einen Mehrwert bringen. Das ist nicht angeberisch, sondern selbst-bewusst im besten Wortsinn!
Und nutzen Sie alle Möglichkeiten, die sich Ihnen bieten, um wichtige Botschaften zu platzieren.
Wie wäre es zum Beispiel, jede Rücksprache mit dem Chef mit einer positiven Rückmeldung zu beenden?

Tipp3: Sich behaupten und an andere denken!

Am Ende der Pressekonferenz machte Bibiana Steinhaus ihren Führungsanspruch deutlich. Alle waren schon im Aufbruchmodus, nur sie nutzte die Situation für einen gekonnten Schlusspunkt: „Bevor wir schließen, möchte ich noch diesen Wunsch mit auf den Weg geben. Es gibt insgesamt 24 Schiedsrichter in der ersten Liga und drei Kollegen werden demnächst ihr Debut in der Bundesliga feiern. Wenn Sie denen so zugewandt sind, wie Sie es mir waren, dann sage ich schon ganz herzlichen Dank im Vorfeld.“ So geht Führung und Teamdenke!

Trainieren Sie Ihre assertorische Durchsetzungskompetenz!
Assertorisch durchsetzen heißt: Sich behaupten ohne aggressiv zu sein.
Und wie? Indem Sie wie Bibiana Steinhaus:

  1. dem anderen eine gute Absicht unterstellen. Denn tun wir das nicht, dann kommunizieren wir häufig im Angriffsmodus und anklagend.
  2. Ihr eigenes Bedürfnis klar formulieren. Sagen Sie was Ihnen wichtig ist, und das in einem Satz und ohne Weichmacher.
  3. eine Bitte statt eine Forderung formulieren.

Über den Autor

Andrea Osthoff

Andrea Osthoff ist Associate Partner der grow.up. Managementberatung und als Trainerin, Beraterin und Coach im Einsatz. Bevor sie zu grow.up. kam, war sie Führungskraft im HR-Bereich und hat in Recruiting, Personalentwicklung und Change Management gearbeitet.

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