Cultural Clash oder traurige Nachrichten aus der Vergangenheit

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Wir bekommen Firmenpost an unsere private Adresse. Passiert noch manchmal.
Seit 12 Jahren ist die Firma nicht mehr an unserer Privatadresse – wir hatten also zum Absender scheinbar lange keinen Kontakt.
Es ist von einer Rechtsanwaltskanzlei aus Süddeutschland – ich bin gespannt.
„Zur Vorbereitung der Schlussverteilung brauchen wir im Insolvenzverfahren der Fairchild-Dornier ihre Kontonummer“ – so das Schreiben der Anwälte.

Und sofort kommen Gedanken und Erinnerungen hoch. An das phantastische Luftfahrtunternehmen im Süden Münchens, in Oberpfaffenhofen und weiteren Standorten im Allgäu.
An den genialen Flugzeugkonstrukteur Claude Dornier, Mitarbeiter bei Graf Zeppelin, später Teilhaber und Geschäftsführer eines Werks für Flugzeugbau aus dem sich später die Dornier-Werke entwickelten.
Ein Unternehmen in dem die Führungskultur des Bergführers Dornier in vielen Gedanken und Prinzipien wirksam war und in den vielen Flugzeugen, die auf dem Firmengelände ausgestellt waren, sogar anschaulich sichtbar wurde. Darunter z.B. auch der erste deutsche Senkrechtstarter und der Alpha-Jet.
An die vielen begeisterten und enthusiastischen Ingenieure die – der langen Tradition des Unternehmens und ihrem Vorbild folgend – immer wieder Spitzentechnologie im deutschen Flugzeugbau erschaffen haben.

Aber auch an Irrungen und Wirrungen im Familienkreis nach Ende der Ära Claude Dornier.
Wie so häufig: Die erste Generation baut es auf, die zweite verwaltet es, die dritte studiert Kunstgeschichte.

Durch Vermittlung von Lothar Späth, dem umtriebigen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg übernahm die Daimler-Benz AG die Führung des verschachtelten Firmenkonstrukts. Was zuerst nach einer Rettung aussah, erwies sich schließlich als Anfang vom Ende.
Aber da jetzt erst einmal Geld da war, wurde in der Folgezeit zugekauft und zusammengelegt, dass es eine wahre Freude war. Aus der DASA wurde die EADS. Immer größer wurde Edzard Reuters Traum vom integrierten Technologie-Konzern. Die auch immer größer werdenden Anteile der Bürokratie und der Beschäftigung mit sich selber träumt ja fast nie jemand mit.

Irgendwann fangen auch Ingenieure an, Manager zu spielen und hetzen ebenfalls von Meeting zu Meeting.
Gute Flugzeuge werden dann meist kaum noch konstruiert.

Schuster, bleib bei deinen Leisten.

Der integrierte Technologie-Traum scheiterte schließlich unter anderem auch daran, dass es keine integrierten Kunden gab. Niemand wollte sowohl Satelliten, als auch Flugzeuge und Autos kaufen.

Nach der Übernahme des maroden niederländischen Flugzeugbauers Fokker implodierte das Konstrukt. Das deutsche ingenieursgetriebene Unternehmen Dornier Luftfahrt GmbH wurde an das amerikanische Unternehmen Fairchild Aviation verkauft.
Ich erinnere mich an die vielen Hoffnungen, die mit der Übernahme des Unternehmens durch das kleine amerikanische Fairchild-Unternehmen verbunden waren.
Sie brachten viel Geld mit, das hatten sie über Jahrzehnte mit ganz wenig Flugzeugtypen verdient, die sie dem amerikanischen Militär in ganz vielen Varianten verkauft hatten.
Plötzlich hatten sie 80% der Firmenanteile und spielten im beschaulichen Oberpfaffenhofen mit Blick auf die Alpen-Kulisse Wild-West.
„We have to do it like Boing“ erklärte Joe aus Texas den erstaunten Flugzeugkonstrukteuren.
Programm-Management war das neue Credo. Der neueste Trend aus Seattle.

Joe konnte zwar nichts erklären, dafür aber prima storys tellen. Und das machte er dann auch den ganzen Tag. Und Jack und Jill kamen auch noch. Und erzählten noch mehr bunte Geschichten.
Das organisatorische Chaos blieb nur deshalb in Grenzen, weil rationale Fachleute mit guter Ausbildung und viel Erfahrung dafür sorgten, dass weiterhin gute Flugzeuge konstruiert wurden.
Wofür andere Unternehmen eine Dekade gebraucht hätten, dafür durfte das Unternehmen Fairchild-Dornier keine Zeit haben.

Mich schmerzt die Erinnerung an den stolzen Prototyp der DO 728. Ich sehe sie noch im Hangar in ihrem grünfarbigen Korrosionsschutz-Kleid nach dem Erstflug.
Sie sah gut aus, es wäre ein tolles Flugzeug geworden.

Verkaufen? Sich, ihre Produkte, ihre Story oder ihre Firma? Nein, das konnten sie nie richtig.
Als die Flugzeuge in das World Trade Center flogen, war es um den letzten selbständigen Flugzeugbauer auf deutschem Boden geschehen.

Etwas vernebelt blicke auf das Schreiben des Anwalts.
Ach, ja richtig, ich erinnere mich. Wir haben damals 20Tsd Euro Honorare und Reisekosten nicht erhalten, sondern sind mit in den Strudel der Insolvenz geraten.
Mal sehen, wieviel (oder besser) wie wenig Euro wir noch bekommen.
Heute, 16 Jahre nach dem Untergang.
Es werden wohl inzwischen viele daran verdient haben.
Mir wäre es lieber, es gäbe Dornier noch.

Über den Autor

Michael Lorenz

Michael Lorenz ist Gesellschafter und Geschäftsführer der grow.up. Managementberatung. Er arbeitet in seiner Funktion als Managementberater, Trainer und Coach. Vorher war er Geschäftsführer und Partner der Kienbaum Management Consultants GmbH und leitete den Geschäftsbereich Human Resources Management. Seit 1988 berät Michael Lorenz nationale und internationale Kunden in Fragen der Strategie, der Personalentwicklung und der Management-Diagnostik.

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